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Deus



Während unserer Zeit in Chabalisa bewegten uns immer wieder die zahlreichen Einzelschicksale der Menschen, die wir kennenlernen durften. Leider ist aufgrund der widrigen Lebensumstände die Anzahl derer, die Hilfe benötigen, unglaublich hoch. So hoch, dass man zuerst lernen muss, damit umzugehen, nicht jedem helfen zu können. Es benötigt Zeit, diese Machtlosigkeit zu akzeptieren, vor allem wenn man täglich vor Ort mit den vielfachen Folgen der Armut konfrontiert wird. Wir konzentrieren uns daher auf Projekte, die möglichst viele Menschen zugleich erreichen. In Chabalisa unterstützen wir mit unserem Projekt speziell Familien mit körperlich und geistig erkrankten Kindern, die meist noch schlimmer von Armut, aber auch von Ausgrenzung, betroffen sind. Zudem können wir durch unsere Bauaktivitäten auch anderen Menschen neue Perspektiven bieten, da wir für Arbeit und einen wirtschaftlichen Aufschwung in der Region sorgen.

Dennoch gibt es auch Geschichten und Lebensumstände, die uns besonders ergreifen und uns zum sofortigen Handeln bewegen. Nachfolgend möchten wir euch zwei wunderbare Menschen und ihre Geschichte vorstellen, denen wir dank eurer Unterstützung helfen konnten.


“Education is our Passport to the Future”


Wie alles begann:

Deus lernten wir im Januar 2018 in Chabalisa kennen, als er Zuflucht bei den Ordensschwestern fand. Da die zu kultivierenden Ackerflächen mit dem Ausbau des Zentrums ebenfalls gewachsen sind, können die Schwestern die Feldarbeit allein nicht mehr bewältigen und sind seither auf der Suche nach temporärer Unterstützung. Im Gegenzug erhalten die Helfer eine Schlafmöglichkeit und werden mit Essen versorgt. So auch unser Freund Deus.

Da wir unsere Zeit auf der Baustelle verbrachten und Deus auf dem weitläufigen Gelände die Felder bewirtschaftete, beschränkte sich unser Kontakt vorerst auf kurze Gespräche bis Deus eines Abends an unsere Zimmertür klopfte. Deus kniete vor uns auf dem Boden und las einen Brief vor, den er zuvor für uns verfasst hatte. In diesem schrieb er seine Geschichte nieder:


„Deus stammt aus Burundi, ist jedoch, aufgrund der politischen Lage in seiner Heimat, seit mehreren Jahren mit seiner Familie auf der Flucht.

Burundi ist ein dichtbesiedeltes Binnenland in Zentral-/Ostafrika. Nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1962 kam es immer wieder zu gewaltsamen Konflikten, die z.T. auch ethnisch motiviert waren. Im Jahr 2000 konnte durch den Friedensvertrag von Arusha ein langjähriger Bürgerkrieg beendet werden. Im April 2015 löste Präsident Nkurunziza eine seither bestehende politische, wirtschaftliche und humanitäre Krise aus, da er seine Kandidatur für eine dritte Amtszeit ankündigte. Da diese verfassungswidrig war, zog sie blutige Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der Opposition nach sich, die bis heute den Alltag der Menschen prägen. Um der Gewalt zu entkommen, flohen hunderttausende Menschen aus ihrer Heimat in die Nachbarländer. Noch immer gibt es keine Verbesserungen hinsichtlich der instabilen innenpolitischen, wirtschaftlichen und menschenrechtlichen Lage. Viele Menschen suchen weiterhin in Flüchtlingslagern Zuflucht, die jedoch heillos überfüllt sind.

Auch Deus lebte lange Zeit gemeinsam mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Schwestern in einem Flüchtlingslager in Tansania. Sein Vater kam bei den gewaltsamen Übergriffen in Burundi ums Leben. Bilder aus Flüchtlingslagern sind uns in Deutschland spätestens seit 2015 bekannt. In Flüchtlingslagern innerhalb Afrikas ist die humanitäre Notlage jedoch weitaus prekärer. Auch wenn die Menschen hier den ersehnten gewaltfreien Lebensraum finden, ist die Lage für viele Geflüchtete aufgrund von Lebensmittelknappheit, verunreinigtem Trinkwasser, fehlender notwendiger Infrastruktur und deren gesundheitlichen Folgen dennoch oft lebensbedrohlich. Diese Umstände bewegten Deus daher erneut zur Flucht. Er wollte außerhalb des Camps Arbeit finden, um seiner Familie, die im Flüchtlingslager zurückblieb, eine bessere Zukunft zu bieten. Seit dem Tod seines Vaters lastet auf Deus eine große Verantwortung, da er sich nun für die Versorgung seiner Familie verantwortlich fühlt.

Als Flüchtling in Tansania war es für ihn sehr schwer eine fair bezahlte Arbeit zu finden. Oft wurde ihm nur ein Bruchteil des zuvor vereinbarten Lohns ausgezahlt, sodass das Geld gerade mal für sein eigenes Überleben reichte. Auf der monatelangen Suche nach Arbeitsstellen lernte Deus eine Ordensschwester kennen, die ihn schließlich nach Chabalisa schickte. Während dieser gesamten Zeit hatte Deus keinen Kontakt zu seiner Familie, da er absolut keine Mittel hatte, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Dementsprechend groß war seine Sorge über ihren Verbleib.“


Nachdem Deus uns seine Geschichte vorgetragen hatte, beendete er seinen Brief mit einer Bitte. Er wünschte sich sehnlichst eine Ausbildung als Schreiner/Tischler absolvieren zu können, um so zukünftig besser für seine Familie sorgen zu können.

Wir waren von Deus Worten sehr ergriffen. Dennoch mussten wir erst einmal alles verarbeiten und versprachen Deus daher, dass wir uns Gedanken machen würden.

Bis zu unserer Rückkehr nach Deutschland im März 2018 verbrachten wir viel Zeit mit Deus und schnell entstand eine Freundschaft, die sich bis heute intensiviert hat. Deus erzählte uns viel über die Zustände in Burundi, die Zeit im Flüchtlingslager, seine Familie und sein Leben vor der Flucht. In seiner Heimat wuchs Deus als gebildeter junger Mann auf. Seine Familie führte ein gutes Leben, sodass es Deus möglich war, in Burundi einen guten Schulabschluss zu machen. Als Flüchtling jedoch leben er und seine Familie ohne Rechte, von der Hand in den Mund. Deus kann neben Kirundi auch fließend Englisch und Französisch sprechen. Kisuaheli, die Amtssprache Tansanias, lernte er zudem sehr schnell, was ihm dabei hilft, im alltäglichen Miteinander als Fremder unerkannt zu bleiben. Mittlerweile beherrscht Deus Kisuaheli auch fließend.

Deus ist ein wissbegieriger junger Mann, der trotz seiner schweren Vergangenheiten, seinen Alltag mit so viel Mut, Ausdauer und Hoffnung bestreitet, was uns immer wieder begeistert. Als wir zum ersten Mal einen Tag gemeinsam verbrachten und er bei uns übernachtete, fiel am Ende ein Satz. Deus sagte, dass er seit Langem wieder wie ein Mensch behandelt wurde.

Dieser Satz begleitet uns bis heute, denn kein Mensch sollte jemals solch einen Satz sagen müssen. Um Deus wieder mehr Zuversicht zu schenken, entschieden wir uns daher ihm den Besuch eines Colleges zu ermöglichen, damit er eine Ausbildung absolvieren kann. Zu diesem Zeitpunkt führten wir die Projekte noch privat durch, die Vereinsgründung erfolgte erst im Sommer 2018.

Deus schrieb mit Hilfe der Ordensschwestern seine Bewerbung für das „Kagondo Kolping Vocational Training Centre“, das Ausbildungen in verschiedenen Handwerksberufen anbietet. Nachdem alle bürokratischen Hürden genommen waren, kam zur Freude aller noch im März 2018, die Zusage. Vorerst finanzierten wir privat das Schulgeld für ein Jahr sowie alle notwendigen Schul- und Lernmaterialien. Deus benötigte außerdem eine Matratze sowie anderen Hausrat, da er fortan im Distrikt Muleba in einem Wohnheim untergekommen war.

Da Deus nun weit weg von den Schwestern lebte, konnten wir nur während der Ferienzeit die Telefone der Schwestern zur Kommunikation mit Deus nutzen. Wir hatten ihm noch im Februar 2018 ein E‑Mail‑Konto eingerichtet, sodass wir zwischen April und September 2018 über Mails regelmäßig mit ihm in Kontakt standen. Er schickte uns stolz Fotos von Notenauszügen und praktischen Schulungseinheiten. So waren wir immer gut über seine schulische Entwicklung informiert.


…was wir gemeinsam erreichen konnten:

Mit der Gründung von „Move‑ING e.V.“ im Sommer 2018 wurde es möglich, nun auch über den Verein die Ausbildung von Deus zu finanzieren. Es konnten die Schulgebühren und die Unterbringung im Wohnheim für das zweite Schuljahr bezahlt werden.

Während der ersten offiziellen Projektreise von Move-ING im Herbst 2018 konnten wir erneut viel Zeit mit unserem Freund Deus verbringen und es war schön zu erleben, wie glücklich er wieder ist.

Während die Mitschüler aus dem höheren Jahrgang ihre Prüfungen absolvierten, hatte Deus eine Woche lang schulfrei, sodass wir ihn auf der Baustelle in Chabalisa als Fachkraft anstellen konnten.

Stolz verkündete er, dass er sein erstes professionell verdientes Geld für seine Familie weiterreichen wolle, die sich immer noch im Flüchtlingslager aufhielt. Gemeinsam informierten wir uns über die aktuelle Situation der Geflüchteten in den Lagern sowie über die aktuelle Sicherheitslage in Burundi. Dabei erfuhren wir, dass das Lager zeitnah geschlossen werden sollte, da das UNHCR immer weniger Gelder für den Betrieb des Flüchtlingslagers bereitstellen kann. Trotz der anhaltenden Konflikte in Burundi, sollen die Menschen wieder zurück in ihre Heimat geschickt werden, da Tansania auch nicht in der Lage ist, die notwendigen finanziellen Mittel für die Versorgung der Geflüchteten aufzubringen.

Nach der Schließung des Camps droht den Menschen also entweder eine gewaltsame Zukunft in Burundi oder eine perspektivlose Zukunft, wenn sie sich weiterhin illegal in Tansania aufhalten. Beide Optionen sind menschenunwürdig, daher war Deus voller Angst um seine Familie. Gemeinsam mit Deus entwickelten wir einen Plan, wie wir seine Mutter und seine beiden Schwestern beim Aufbau einer neuen Existenz schnellstmöglich unterstützen können. Da es in Tansania mit vergleichsweise wenig Geld möglich ist, den Grundstein für ein neues, hoffnungsvolleres Leben zu legen, haben wir uns auch für diesen Schritt entschieden.

Deus Familie konnte im Herbst 2018 das Flüchtlingslager verlassen und sich bei entfernten Verwandten im Grenzgebiet zwischen Burundi, Ruanda und Tansania niederlassen, wo ihnen Sprachbarrieren keine Probleme bereiten. Mit der Hilfe von Move-ING war es möglich, in der umliegenden Umgebung ein kleines Stück Land zu kaufen, das sie bewirtschaften können und von dessen Erträgen die laufenden Kosten getragen werden können. Außerdem konnten auch die Kosten für alle Aufenthaltsgenehmigungen übernommen werden. Somit besitzen nun alle gültige Aufenthaltsdokumente, sodass sich Deus und seine Familie legal in Tansania aufhalten und sich ohne Probleme im Land bewegen können.

Für den Start in ein neues Leben hat Move-Ing auch die Kosten für Saatgut, Matratzen, Kleidung und Grundnahrungsmittel für ein halbes Jahr bis zur ersten Ernte aufgebracht. Außerdem werden die Mietkosten für eine kleine Hütte vom Verein getragen.

Während der Projektreise im Herbst 2018 fassten wir auch den Entschluss, Deus ein Smartphone zu kaufen, um über Online-Nachrichtendienste jederzeit mit ihm in Verbindung stehen zu können und um Bilder und Videos besser auszutauschen. Deus kann mit seinem Telefon nun trotz großer Distanz Kontakt zu seinen entfernten Verwandten halten, über die er wiederum Kontakt zu seiner Mutter und seinen beiden Schwestern hat. Außerdem steht er nun auch stets in Verbindung mit den Ordensschwestern in Chabalisa, zu denen Deus eine innige Freundschaft pflegt. In Chabalisa verbringt er zudem auch meist die Ferien - und Feiertage.


…die Geschichte nimmt ihren Lauf:

Im Frühjahr 2019 musste Deus das College wechseln, nachdem bekannt wurde, dass das „Kagondo Kolping Vocational Training Centre“ die von der tansanischen Regierung notwendige Genehmigung für die Durchführungen der offiziellen Abschlussprüfungen nicht erneut erhalten hatte.

Dieser Umstand traf nicht nur uns unerwartet, auch die Eltern von Deus Mitschülern waren sehr verärgert. Da viele auch bereits die Schulgebühren für das zweite Schuljahr, also das Abschlussjahr, gezahlt hatten, folgten lange Diskussionen mit der Schule. Da wir nicht vor Ort waren, bot Sister Hyazintha ihre Hilfe an und folgte den offiziellen Einladungen, in denen die Eltern und Schüler über den aktuellen Stand informiert wurden. Die Schule zeigte sich letztendlich sehr kulant und erstattete uns und allen Eltern, die sich auch für einen Schulwechsel entschieden, hatten, den Großteil der bereits gezahlten Schulgebühren zurück. Der Schulwechsel war unumgänglich, wenn man eine offiziell anerkannte Abschlussprüfung ablegen und ein entsprechendes Abschlusszeugnis erhalten wollte.

Deus entschied sich seine Ausbildung in Kayanga am „Karagwe District Vocational Training Centre“ fortzuführen. Hier entstand allerdings ein Problem, da Deus fortan eine Regierungsschule besuchte und nicht mehr Schüler einer Privatschule war. Das hieß konkret, dass seine bisher erbrachten Leistungen am „Kagondo Kolping Vocational Training Centre“ nicht anerkannt wurden, da die Lehrpläne der Privatschulen, von denen der Regierungsschulen abweichen. Folglich musste er also in Kayanga von vorne starten. Davon hat er sich aber nicht entmutigen lassen und war weiterhin sehr strebsam. Nun ist viel Zeit vergangen und Deus wird im Herbst 2020 seine theoretischen und praktischen Abschlussprüfungen absolvieren. Die mit den Abschlussprüfungen und der Abschlussfeier verbundenen Kosten konnte Move-ING bereits decken. Wir können es schon kaum erwarten in Deus strahlendes Gesicht zu schauen, wenn er sein Zeugnis während der Abschlussfeier entgegennehmen wird. Leider können wir nicht persönlich vor Ort sein, seinen Erfolg werden wir aber bei unserer Projektreise im Winter 2020 rückwirkend gemeinsam feiern.